Der Schultrojaner

Netzpolitik.org hat den „Gesamtvertrag zur Einräumung und Vergütung von Ansprüchen“ von 2010, der zwischen den Bundesländern und den Verlegern und Verwertungsgesellschaften geschlossen wurde mal auseinander genommen.

Laut diesen Vertrag ist ab 2011 folgendes verpflichtend:

  • Lehrer dürfen nur 12% eines Lehrbuchs kopieren (max. 20 Seiten)
  • Ganz kopiert werden dürfen nur Musikbücher (max. 6 Seiten), Unterrichtsfernes Buch(max. 25 Seiten), Bilder
  • Lehrbücher dürfen nicht digitalisiert oder digitalisiert verteilt werden.
  • Schulchöre, Schulbands usw. müssen für ihre Kopien separate Berechtigungen bei den Rechteinhabern einholen.
  • Hinweise auf die haftungsrechtliche Situation der Schulleitung und der Lehrkräfte müssen ausgegeben werden.
  • Länder müssen jährlich (2011/2012) Bestätigungsschreiben der Schulen einholen, dass sich keine digitalen Kopien auf den Schulrechnern befinden.
  • Länder werden verpflichtet anhand dieser Schreiben Urheberrechtsverletzungen zu prüfen und an die Rechteinhaber weiterzumelden.

Das an sich ist ja schon der Klopper. Da werden Lehrkräfte über das Kultusministerium derartig vorgeführt, dass es jeder Realität spottet. Scheinbar lässt man sich im Kultusministerium die Verträge von den Verlagen diktieren. Warum sich die Lehrer nicht schon längst zusammengeschlossen haben und kolaborativ im Sinne von Wikibooks ihre Lehrbücher selbst erstellen bleibt mir verschlossen.

Amerika hat mit ähnlichen Problemen zu kämpfen. Dort regiert die MPAA, welche die Schulen dann wenigstens zum legalen Raubkopieren anleitet.

Und dann kommt der große Absatz:

Die Verlage stellen den Schulaufwandsträgern sowie den kommunalen und privaten Schulträgern auf eigene Kosten eine Plagiatssoftware zur Verfügung, mit welcher digitale Kopien von für den Unterrichtsgebrauch an Schulen bestimmten Werken auf Speichersystemen identifiziert werden können. Die Länder wirken – die technische und datenschutzrechtliche Unbedenklichkeit der Software vorausgesetzt – darauf hin, dass jährlich mindestens 1 % der öffentlichen Schulen ihre Speichersysteme durch Einsatz dieser Plagiatssoftware auf das Vorhandensein solcher Digitalisate prüfen lässt. Der Modus der Auswahl der Schulen erfolgt – aufgeschlüsselt nach Ländern und Schularten – in Absprache mit den Verlagen auf Basis eines anerkannten statistischen Verfahrens. Die Überprüfungen erfolgen ab Bereitstellung der Software, frühestens jedoch im 2. Schulhalbjahr 2011/2012.

Obwohl Digitalisieren der Bücher an sich schon verboten ist, soll die Schule den Rechteinhabern Zugang zu deren Rechnern ermöglichen, damit sie überprüfen können, ob eine Schule gegen diese Regelungen verstößt. Man könnte also schon von einem Schultrojaner sprechen. Grundsätzlich enthält jede Software die Zutritt zu einem PC ermöglicht und eine Updatefunktion besitzt gleiche eine ganze Reiche von Angriffsvektoren, die es ermöglicht Code einzuschleusen. Ob das so ist, wird sich noch zeigen, die Ministerien glänzen gerade vor Abwesenheit.

Update:

Christoph Bornhorn, Leiter der Abteilung  Öffentlichkeitsarbeit der VdS-Bildungsmedien erklärt gegenüber dem Spiegel, dass der Auftrag für die „Plagiatssoftware“ noch gar nicht vergeben wäre. Schulserver sollen dabei überprüft werden, die Privat- und Arbeitsrechner der Lehrer jedoch nicht.

„Die Software wird vor Ort im Schulnetzwerk eingesetzt und gleicht die dort gespeicherten Texte mit einer Online-Datenbank mit Textbausteinen aus Schulbüchern ab – wo diese Datenbank liegt, ist noch unklar. Gibt es identische Texte, informiert eine Auswertungsdatei den Schulträger darüber.“

Techniker der Bildungsmedien Service GmbH (BMS)

Bedeutet also, dass Schulinternas oder Auszüge daraus einmal über das ganze Internet kommuniziert werden. Super.

Diese Regelung mit den 12% des Buches kopieren steht bereits seit 2008. Na, da hat der digitale Wandel aber um sich gegriffen. Das man sich da so die Butter vom Brot nehmen lässt und einknickt. Man sollte meinen, die Schulen hätten da das Zepter in der Hand und könnten sich ihren Verlag aussuchen. Aber da gibt es wohl einen kleinen geschlossenen Markt, den sich fünf Verlage teilen, in Bayern sollen es beim Fach Englisch nur zwei Verleger sein, aus denen die Schulen wählen können. An deren ihrer Stelle würde ich einen Deutschlandweiten Dachverband gründen, der Gelder von den Mitgliedern verwaltet und direkt die Schulbuchautoren, die jetzt für die Verlage publizieren anwirbt. Diese machen dann Auftragsarbeit für diesen Verband, dessen Ziel es ist das Werk unter einer entsprechenden freien Lizenz (z.B. CC0 oder CC-BY) zu publizieren, so dass Nachdrucke ohne Probleme für jedermann möglich sind. Wünschender wäre natürlich das Wikikonzept, dies kann man aber parallel verfolgen und pragmatisch als ersten Schritt diesen einfachen Weg beschreiten.

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